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Bildungsurlaub Rio de Janeiro

Bildungsurlaub Rio de Janeiro

Seit ich denken kann, reise ich kreuz und quer durch die Welt. Ich bin kein ‚Digital Nomad‘, ich habe einen festen Job und reise so viel, wie meine Urlaubstage hergeben. Und dank Bildungsurlaub sind dies pro Jahr noch 5 Tage mehr!

Wo ich als Deutsche auf der Welt auch hinkomme, gibt es stets drei Dinge, auf die ich anerkennend – ja, manchmal fast bewundernd – angesprochen werde: Fußball, Autos und Bier.

Ich bin eine Enttäuschung für die Menschen: Ich kenne eine Handvoll deutscher Fußballer beim Namen; von denen die meisten wahrscheinlich nicht mehr aktiv sind. Ich benutze rund um den Globus ausschließlich öffentliche Verkehrsmittel, und Bier trinke ich allerhöchstens mal auf Reisen und dann gestreckt mit Limonade. Da bin ich also eine ganz schlechte Kulturbotschafterin.

Bildungsurlaub Brasilien

Rio de Janeiro – wo Cristo Redentor über die Sprachschüler von lernen&helfen wacht.

Bildungsurlaub

Wovon ich schwärme, ist eine bundesdeutsche Errungenschaft, von der nicht einmal alle Bundesdeutschen wissen und mit der ich im Ausland für ungläubiges – ja, manchmal fast bewunderndes – Staunen sorge: Bildungsurlaub!

Offensichlich einmalig in der Welt, ermöglicht diese fantastische Erfindung Arbeitnehmern, eine Woche im Jahr – oder wahlweise alle zwei Jahre zwei Wochen – ihren Interessen nachzugehen und etwas zu lernen. Einfach so. Den Kurs – der für Bildungsurlaub anerkannt sein und bestimmte Voraussetzungen erfüllen muss – hat man zwar selbst zu bezahlen, während der Abwesenheit bekommt man aber weiterhin sein Gehalt; was für ein unglaublicher Luxus!

Vergesst Fußball, Autos und Bier – das, was Deutschland im internationalen Vergleich einzigartig macht, ist Bildungsurlaub!

Sprachkurse im Ausland

Kommen wir zurück zu dem Reisevirus, mit dem ich mich vor Jahrzehnten irgendwo infiziert haben muss – er ist inzwischen chronisch.

Portugiesisch lernen in Rio de JaneiroLinderung verschaffte mir unter anderem, dass alle meine bisherigen Bildungsurlaube ins Ausland geführt hatten. Bildung und Urlaub verschmelzen zu Bildungsurlaub, und es gibt ja eh keine bessere Möglichkeit, eine Sprache zu lernen, als in einem Land, wo man neben theoretischem Unterricht auch tagtäglich damit konfrontiert ist. Also nichts wie los, hinaus in die Welt!

Ich war zweimal in Italien gewesen und einmal in der Türkei. Fand ich schon letzteres ziemlich exotisch für Bildungsurlaub, den viele ja doch eher in der Heimat nehmen, hätte ich gar nicht davon zu träumen gewagt, dass er mir eines Tages einen Aufenthalt im fernen, exotischen Brasilien ermöglichen würde! Rein zufällig war ich bei einer Online-Recherche auf lernen & helfen Sprachreisen gestoßen – und nach kurzer Korrespondenz mit Silvia Schröder war es entschieden: Ich würde Portugiesisch nicht bei der Volkshochschule meines Stadtteils lernen, sondern mitten in Rio de Janeiro!

Die Unterkunft

Nach meinen früheren Erfahrungen mit Gastfamilien hatte ich bei meinem Aufenthalt über lernen&helfen in Rio de Janeiro nicht die Erwartung, als verlorene Tochter am Familientisch empfangen zu werden. Und so war es dann auch nicht, trotzdem war es rundherum nett.

Es fängt damit an, dass meine ‚Gastmutter‘ – und in diesem einen Fall hätte sie altersmäßig tatsächlich meine Mutter sein können – in der nettesten Gegend Rios wohnt, in Botafogo. Botafogo könnte auch ein Stadtteil einer südeuropäischen Großstadt sein: bewohnt von eher gehobener Mittelschicht, fühlt man sich als Europäer weder wie ein Millionär im Armenhaus, noch wie der arme Verwandte auf Besuch beim reichen brasilianischen Onkel. Man fühlt sich wohl.

Unterkunft Bildungsurlaub Rio

Unterkunft mit Aussicht: Blickt man die Straße nach Osten, sieht man den Zuckerhut,….

Dass das Wohnhaus drei Minuten von der strategisch bestgelegenen Metrostation und fünf Minuten von einem Strand sowie einem Einkaufszentrum entfernt liegt, hat’s zumindest logistisch perfektioniert.

Der Aufenthalt war – da ich ja inzwischen wusste, was Unterkunft in einer Gastfamilie tatsächlich bedeutet – absolut meinen Erwartungen entsprechend: Bevor es in den Unterricht ging, machte mir die Gastmutter ein Frühstück – es ist schon drollig, wenn man mit Mitte 50 vor dem Schulbesuch ein gesundes Frühstück bereitet bekommt, Hausaufgaben erledigen muss (da hatte sich im Vergleich zur Schulzeit nicht so viel verändert: immer auf den letzten Drücker kurz vor Unterrichtsbeginn – genau wie damals) – kurz: wieder ein Schulkind ist.

Wir haben uns zwar nicht lange Stunden in ausgiebigen Diskussionen verloren, aber wir haben uns gut verstanden, und sie hat gut für mich gesorgt und geholfen, wenn ich Fragen hatte.

Rio de Janerio Bildungsurlaub Portugiesisch

….blickt man westwärts, sieht man Cristo Redentor.

Inzwischen sehe ich den Familienaufenthalt – egal wie eng oder distanziert das persönliche Verhältnis ist – als für mich zum Bildungsurlaub gehörenden Bestandteil. Man lernt – und das insbesondere im fortgeschrittenen Alter – sich anzupassen, sich einzufügen, auch mal etwas hinzunehmen. Denn auch als zahlender Gast befindet man sich eben in Privaträumen, bekommt Privates und Persönliches mit und gibt auch von sich preis. Es heißt ja, mit einer Sprache bekäme man eine ganze Kultur mitgeliefert. Ich sehe das als großartige Möglichkeit, dieser Kultur wirklich hautnah zu sein.

Der Unterricht

Viel enger war in Rio von vornherein das Verhältnis mit meiner Lehrerin, was sicherlich vor allem auch daran lag, das wir bis auf ein paar Tage gleich alt und in einer ähnlichen Lebenssituation sind. Obwohl wir viel gelacht und geplaudert haben – ausschließlich auf Portugiesisch – war das der bislang effizienteste Sprachunterricht: Sie hat mir nicht die kleinste, charmante Nachlässigkeit durchgehen lassen. Es macht wirklich wenig Spaß, eine drollige Geschichte zu erzählen, wenn in jedem Satz zwei klitzekleine Fehler korrigiert werden; aber so lernt man, Freunde, so lernt man. Und genau dazu war ich ja dort, nicht zum Spaß.

Das ist übrigens eine Sache, die ich mir so manches mal in Erinnerung rufen musste – bei fast jedem der Bildungsurlaube: Es ist kein Urlaub! Es ist Bildungsurlaub – zwei Wochen frei, die mir mein Arbeitgeber spendiert. Ich empfinde das als verpflichtend. Also kein Genörgel, dass zu wenig Zeit für den Strand bleibt, kein Herumtrödeln in der Ausstellung, wenn der Unterricht gleich los geht. Es ist kein Urlaub.

Das morderne Rio de Janeiro

Das morderne Rio de Janeiro

In Rio de Janeiro musste ich noch disziplinierter sein als bei den anderen Aufenthalten, und nicht nur deshalb, weil Marcy die strengste all meiner Lehrerinnen gewesen ist: Während der Unterricht bei meinen ersten drei Bildungsurlauben – ich war nach Rom und Izmir auch noch in Mailand gewesen – in Sprachschulen stattgefunden hatte, bekam ich bei meinem Aufenthalt in Rio de Janeiro Individualunterricht. Es waren einfach keine anderen Schüler verfügbar.
Hatte ich mich in einer Ausstellung verzettelt, konnte ich beim Zuspätkommen eine Entschuldigung murmelnd unauffällig in den Klassenraum und auf meinen Platz huschen.

Das ging in Rio nicht: War ich zu spät, saß Marcy schon bei meiner Gastmutter in der Wohnung und guckte vorwurfsvoll auf die Uhr.

Bildungsurlaub Portugiesisch

Individualunterricht hat einige Nachteile: Es sind keine Mitschüler da, mit denen man etwas unternehmen könnte, es gibt kein Kulturprogramm, an dem man gemeinsam teilnimmt – und vor allem ist man während des Unterrichts pausen- und ausnahmslos gefordert.

Nach manchen Unterrichtsblöcken hatte ich das Gefühl, mir würde der Kopf platzen!

Aber da sind wir auch schon bei den Vorteilen: man ist während des Unterrichts pausen- und ausnahmslos gefordert. Das ist zwar wirklich sehr anstrengend, aber man lernt unglaublich viel in unglaublich kurzer Zeit. Als wenn die Sprachkenntnisse durch einen Trichter direkt ins Gehirn fließen würden.

Ein anderer Vorteil ist die verkürzte Stundenzahl: Ich hatte ja schon eingangs angedeutet, die Bildungsmaßnahme müsse bestimmte Kriterien erfüllen. Abgesehen davon, dass die Institution anerkannt sein muss, ist man auch zu 30 Unterrichtsstunden pro Woche verpflichtet (das sind bei Sprachschulen Intensivkurse, die, insbesondere wenn sie als Bildungsurlaub anerkannt sind, verhältnismäßig teuer sind, das sei hier nur erwähnt. Dass ich statt in Istanbul in Izmir gelernt habe, war dem Preis geschuldet. Und es wird verblüffen, dass Portugiesisch in Portugal wesentlich teurer kommt als in Brasilien – ein Grund, der meine Entscheidung für Rio durchaus auch beeinflusst hat). Wenn man aber Individualunterricht hat, wird diese Zeit halbiert – bei gleichbleibendem Preis, was im Verhältnis völlig in Ordnung ist.

Ich hatte also nur 15 Stunden Unterricht und darum wesentlich mehr Zeit, um Rio de Janeiro kennenzulernen. Was ja auch ein wichtiger, bildender Teil des Aufenthaltes ist.

Die Stadt

Rio de Janeiro ist eine harte Stadt. Sicherlich auch in gewissen Gebieten eine gefährliche Stadt.

Ich hatte vor Anreise ein bisschen Angst. Angst davor, überfallen zu werden, mehr aber Angst davor, mich eingeschränkt und eingesperrt zu fühlen. Beides ist nicht passiert. Ich war mit meinen Sachen etwas umsichtiger, ohne mich verrückt zu machen.

Am ersten Tag sagte mir Marcy, ich solle meine Goldkette abnehmen – es ist ein unscheinbares, dünnes Kettchen mit einem Kreuzanhänger dran – und sie erst wieder anlegen, wenn ich Brasilien verlasse. Ich dachte kurz, sie würde vielleicht etwas übertreiben, habe die Kette aber abgenommen und verstaut. Ich habe dann mal darauf geachtet, und es scheint zu stimmen: Man sieht ziemlich wenige Frauen mit Halsketten. Ohrringe, Ringe, Armbänder – aber keine Halsketten.

Portugiesisch lernen am Strand in Rio

Portugiesisch lernen am Strand in Rio

Ohne Halskette – und ohne mein Handy – ging ich an den Strand, außer meinen Badesachen hatte ich stets nur ein paar Reais und meinen kleinen Fotoapparat mit. Dessen Verlust hätte mich weniger beunruhigt als der Diebstahl meines Handys mit all den Daten. Es kam aber gar nicht zum Verlust. Wenn ich ins Wasser ging, habe ich einfach andere Strandbesucher gebeten, ein Auge auf meinen Kram zu werfen – die Aufgabe fiel ihnen leicht, niemand interessierte sich für mein Zeug.

Man sieht viel Armut und Verelendung in Rio. Das machte mich eher traurig als ängstlich. Es gibt sehr viele Obdachlose, die in einem anderen Zustand sind als die Obdachlosen in Europa. Insbesondere der Anblick von Frauen mit Kindern bricht einem das Herz. Ich hatte immer gedacht, die Armut würde in den Favelas sein. Inzwischen glaube ich, dass in den Favelas eher die untere Mittelschicht ist; die Armut hat kein Zuhause.

Apropos Favelas: ich habe keine….besucht? ….besichtigt? Zum einen sagte Marcy, es sei zu gefährlich – auch die befriedeten Favelas würden wieder unruhig werden. Zum anderen finde ich es absurd und weiß nicht, was ich in einer Favela sollte. Wie sie aussehen, sieht man zum Beispiel beim Vorbeifahren. Wie die Menschen leben….wahrscheinlich ziemlich einfach; das kann ich mir vorstellen, das müssen sie mir nicht zeigen. In anderen Ländern komme ich auch nicht auf die Idee, Armenviertel zu besichtigen – nicht in Berlin, nicht in Paris, nicht in London. Warum sollte ich’s in Rio tun? Weil’s noch ärmer ist? Weil’s pittoresker ist? Es gibt Touren in gepanzerten Fahrzeugen – das finde ich hochgradig dekadent und menschenverachtend.

Ich habe einige schöne Orte gesehen wie den Botanischen Garten, wie die Wandmalereien von Eduardo Kobra und die beiden angrenzenden Museen, das Museu do Amanha und das Museu do Rio de Janeiro, ich bin mit der Fähre nach Niteroi gefahren und habe von dort auf Rio zurückgegeblickt. Ich war bei Cristo und in Santa Teresa – man sollte sich besser erkundigen, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen dieser Stadtteil besucht werden kann, in dem sich die sehr sehenswerte Escadaria Selaron, die mit über 2000 Kacheln dekorierte Treppe, befindet.

Man lernt viel während des Bildungsurlaubs – über das Land, über sich…und nicht zuletzt die Sprache.

 

Fotos: Renata Green/byemyself.com

Titelbild: „Detail des Pentaptychons „Ethnicities“, das der bekannte brasilianische Muralist Eduardo Kobra anlässlich der Olympischen Spiele in der Avenida Rodrigues Alves angefertigt hatte.“

 

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